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Dezember 2006

Thomas Ulbricht Weltmeister im Fünfkampf

»Berliner Behindertensportler 2006« trainiert im Wuhletal

Haben Sie sich schon mal gefragt wie es ist, fast ohne Augenlicht zu leben? Für viele Menschen ist der Verlust eines Sinnesorgans kaum vorstellbar. Und dabei noch Hochleistungssport betreiben? Viele Sportler zeigen weltweit, dass es möglich ist. Jetzt hat ein Berliner Bestleistungen vorgelegt. Thomas Ulbricht vom PSC Berlin ist Weltmeister im Fünfkampf. Bei der Behinderten-WM im niederländischen Assen errang der 21-Jährige Gold in der Startklasse T/F12 der stark Sehbehinderten. Schon 2003 wurde er Jugend-Europameister im Weitsprung – ebenfalls in Assen. »Scheint ein gutes Pflaster für mich zu sein«, sagt er entspannt.

Thomas Ulbricht hat allen Grund zur Zufriedenheit, denn mit dem Sieg am 5. September konnte er sich einen Traum erfüllen. Dass es eine Medaille werden würde, war ihm fast klar. Aber mit Gold hatte er dann doch nicht gerechnet. Dabei sah es von Anfang an gut aus: Nachdem er im Weitsprung mit 6,58 Metern gut punkten konnte, zeigte der passionierte Leichtathlet auch im Speerwurf mit 49,82 Meter seine Stärken. Den anschließenden Sprint über 100 Meter lief Ulbricht in 11,64 Sekunden. Mit diesen Werten hatte er einen guten Stand in der Gesamtwertung. Für die noch ausstehenden Disziplinen Diskuswurf und 1.500 Meter-Lauf wurde er von seinen Trainern vor die Wahl gestellt: entweder er legt einen guten Wurf ab und kann den Lauf ruhiger angehen oder er muss besser laufen, sollte der Wurf nicht gut gelingen. Er gelang nicht: 26,23 Meter. Es war klar, dass Ulbricht in der letzten Disziplin richtig Gas geben musste. Und das tat er dann auch. 4:52 Minuten waren gerade mal nötig um die 1.500 Meter hinter sich zu lassen. Damit lag er in der Endauswertung knapp vor dem Tunesier Mahmoud Khaldi.

Und das erste Gefühl nach solch einem Sieg? »Erst einmal Erschöpfung«, sagt der junge Mann bescheiden. Danach brauchte er zunächst viel Ruhe um wieder richtig zu sich zu kommen. Die Motivation, so einen Wettkampf voll durchzustehen, zog er hauptsächlich aus dem selbst gesteckten Ziel, die jahrelange Arbeit mit greifbaren Früchten zu belohnen. Für sich selbst, seine Eltern und die Trainer. Die Betreuung übernehmen seit einigen Jahren Lutz Kramer vom in Hellersdorf ansässigen Athletik Club Berlin/ACB (Lauf-/Sprungtraining) und Dr. Ralf Otto vom Paralympischen Sport Club Berlin/PSC (Wurftraining). Auch die physiotherapeutische Abteilung des Olympiastützpunktes Berlin ist maßgeblich an seinem Erfolg beteiligt – dies festzustellen ist Thomas Ulbricht sehr wichtig.

Nach seinem Sieg übermittelten dem schnellen Sprinter auch Innenminister Schäuble und Kanzlerin Merkel ihre Glückwünsche. Durchaus prestigeträchtiger ist der Ende September an Ulbricht verliehene Titel “Berliner Behindertensportler des Jahres 2006”, vergeben vom Behinderten-Sportverband Berlin (BSB). Bleibt abzuwarten, was Ulbricht in Zukunft noch so drauf hat. Mit gerade mal drei Prozent Sehkraft verfügt er offenbar über ein ganzes Kraftwerk anderer Fähigkeiten, das ihm die Energie zu solchen sportlichen Leistungen liefert. Menschen ohne Handicap mögen sich fragen, welche Potentiale sie eigentlich nutzen, die in ihnen schlummern.

Hellersdorfer Zeitung, erschienen im Dezember 2006 – Von Benjamin Bekeschus