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23.08. 2007

Thomas Ulbricht hat zwei Medaillen gewonnen, aber seinen WM-Titel verloren

Salzwedeler fand bei der 3. Weltmeisterschaft der Sehbehinderten in Saõ Paulo nicht zur Bestform

*Mit dem Abstand von zwei Wochen schätzt der Salzwedeler Thomas Ulbricht die Reise nach Brasilien noch immer mit gemischten Gefühlen ein. Zum einem sicherte er der deutschen Mannschaft mit dem dritten Platz im Fünfkampf die erste Medaille und legte im Weitsprung noch eine Silbermedaille nach. Auf der anderen Seite konnte er seinen Titel im Mehrkampf nicht verteidigen und verpasste zudem die Norm für die Paralympics in Peking 2008 um ganze fünf Punkte.

Bereits der erste Tag, der 28. Juli, war für den Altmärker ein kleiner Schock. Denn obwohl die deutsche Mannschaft wusste, dass sie in den brasilianischen Winter fährt, hatte niemand mit acht Grad Celsius gerechnet. Auch die Gastgeber nicht, denn seit Aufzeichnung der Temperaturen waren diese Tage die kältesten im Juli und August. Für den sehr gefühlsbetont agierenden Thomas Ulbricht keine guten Voraussetzungen. »Ich hatte zum Training vier Shirts und zwei Jacken angezogen. Leider hatte ich keine Handschuhe mit. Im Hotel war die Klimaanlage, nur mit kühlendem Effekt, einfach nicht abzustellen. Erst zu den Wettkämpfen waren es dann wieder 25 Grad. Die ungünstigen Fahrzeiten der Busse waren auch nicht dazu angetan, die Stimmung zu verbessern«, blickt der zweifache Medaillengewinner zurück.

Der erste Wettkampftag am 2. August sollte für Thomas Ulbricht die Titelverteidigung im Fünfkampf bringen. Doch bereits der Auftakt in der ersten Disziplin misslang. Im Weitsprung sprang er mit dem rechten Fuß ab und landete schon bei 6, 12 Meter. Am Ende sind es 6, 51 Meter und damit sieben Zentimeter weniger als 2006 in Assen. Beim Speerwerfen fehlte der Rhythmus. Es reichte nur für 45, 19 Meter. Im Einzelwettkampf kommt Thomas Tage später auf 48, 22 Meter. Die Pause über Mittag gestattete keine Erholung im Hotel. Statt dessen versuchte Ulbricht, mit dem zweiten deutschen Starter auf dem Rasen im Stadion zu entspannen. Trotzdem verpasste Thomas über 100 Meter mit 11, 51 Sekunden knapp seine Bestzeit. Noch einmal kam Hoffnung auf, besonders nachdem er beim Einwerfen den Diskus auf 31 Meter schleudert. Doch als es darauf ankommt, beendet das Gerät bereits fünf Meter vorher seinen Flug. Obwohl der PSC-Athlet als Kämpfer bekannt ist, standen die Zeichen vor dem 1500-Meter-Lauf nicht gut. Eine längere Verletzungspause im April und eine Blessur kurz vor der WM kosteten Thomas seine guten Ausdauerwerte. Trotzdem sichert ein langgezogener Sprint dem Altmärker die Medaille.

»Ich hatte keinen Überblick, wo der bis dahin zweitplazierte Portugiese lag. Später habe ich gehört, dass er eingebrochen ist. Mit dieser Information hätte ich noch mehr aus mir heraus holen können«, schätzt Thomas ein. Gewinner ist der Weißrusse Ihar Fartuanau, der aus der Schadensklasse 3 wechselte. »Der soll sogar einen Führerschein haben«, lautet der Kommentar von Thomas Ulbricht. Sein großer Konkurrent von 2006, der Tunesier, ist gar nicht erst angereist. »Dass ich den Titel nicht verteidigen konnte, kann ich verkraften. Viel schlimmer ist, dass ich die vorzeitige Qualifikation für die Paralympics in Peking verpasst habe.»

Noch bleiben dem Jeetzestädter weitere Wettbewerbe, um zu glänzen. Nach den Ergebnissen im Fünfkampf ist der Salzwedeler Thomas Ulbricht mit seinem vierten Platz im Speerwerfen sehr zufrieden. Nicht aber mit der Atmosphäre im Stadion. »Da kam einfach keine Stimmung auf. Bei jedem Wettkampf in Europa ist das Feeling deutlich besser«, analysierte er. Gegen die Spezialisten hatte sich der Altmärker zudem keine Medaille ausgerechnet. Immerhin wirft der Sieger aus Österreich neuen Weltrekord.

Der 5. August sollte nicht der Tag von Thomas Ulbricht sein. Wie jeder Sportler ist auch der 22-Jährige für die Staffel besonders motiviert. Das war auch nötig, denn die Qualifikation ist schwierig. Nur die Sieger der Vorläufe und dazu der zeitschnellste Zweitplazierte kamen in das Finale.

Die Deutschen trafen auf den Mitfavoriten Brasilien. Der Spezialist Schröder, Medaillengewinner im 200-Meter-Sprint, lief die Staffel an. Thomas Ulbricht war auf der zweiten Position nominiert. Im entscheidenden Moment reagierte er auf ein falsches Kommando und läuft zu früh los. Der Wechsel war geplatzt und die deutsche Staffel damit auch disqualifi ziert.

Jetzt musste ein Erfolgserlebnis her. Im Weitsprung startete Thomas aber wieder mit rechts. Er wusste sofort, dass die 6, 20 Meter nicht reichen. Der Weißrusse Ihar Fartuanau ist mit 6, 97 Meter zu weit weg. Doch 6, 71 Meter im zweiten Durchgang reichten vorerst zu Silber. Dann jubelt der zweite Weißrusse Siarhei Burdukou nach seinem dritten Versuch. Die Tafel zeigt für den Sprung 6, 73 Meter. Doch der Kämpfer Thomas Ulbricht kann kontern. Mit seinem letzten Versuch übertrifft er Burdukou um fünf Zentimeter. Der Lohn ist ein weiterer Platz auf dem Treppchen und Silber.

Schon nach dem letzten Wettkampf in Sao Paulo ist der Blick wieder nach vorn gerichtet. Thomas Ulbricht ist nun auf der Suche nach Leichtathletikveranstaltungen, die beim Verband gemeldet sind und bei denen er einen Fünfkampf absolvieren kann. Denn offiziell gibt es 2008 nur eine Chance, sich für die Paralympics in Peking zu qualifizieren. Pech für die Athleten, die dann nicht topfit sind. Dieses Risiko will Thomas vermeiden und hofft auf Unterstützung.

Zunächst startet Thomas Ulbricht aber heute noch beim Paralympischen Tag in Berlin im Weitsprung. Einen weiteren Höhepunkt gibt es am 16. September 2007 beim ISTAF in Berlin. Bei dieser renomierten Veranstaltung mit zahlreichen Weltstars der Leichtathletik tritt Thomas mit der Sprintstaffel der Blinden und Sehschwachen gegen die deutsche Frauenstaffel an.

Artikel in der Volksstimme, erschienen am 23.08.2007 – Autor Gerd Schönfeld