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04.10.2016

Speer soll bis nach Tokio fliegen

Salzwedel. „Rio war nicht unbedingt meins, daher bin ich froh, dass es über 100 Meter zur Bronzemedaille gereicht hatte. “ Thomas Ulbricht hatte am Wochenende beim Besuch seiner Eltern im heimatlichen Salzwedel den Verwandten und Freunden der Familie viel zu erzählen.

Und der Leichtathlet hatte eine gute Nachricht dabei, er wird seine Karriere als Speerwerfer fortsetzen.

Das Wettkampfjahr 2016 verlief für Thomas Ulbricht aufgrund von Problemen mit den Waden und den Achillessehnen nicht optimal. Gleiches trifft auf die Bedingungen zu, die bei den Wettkämpfen herrschten, in denen der Wahl-Berliner die nationalen Normen für die Paralympics in Rio de Janeiro erfüllen wollte. „Entweder war es zu kalt, regnerisch oder wir hatten Gegenwind. Ich habe die Normen mehrfach nur knapp verfehlt“, berichtet der stark sehbehinderte Sportler, der einst von Heike Dissing an der Sehbehindertenschule in Tangerhütte für die Leichtathletik entdeckt wurde.

Doch trotz der körperlichen Probleme und der nicht erbrachten Normen entschlossen sich die Verantwortlichen, ihn trotzdem mit nach Rio zu nehmen, denn in den Jahresranglisten war der 31-Jährige vorn zu finden. Ein Vertrauen, dass Thomas Ulbricht nicht enttäuschen sollte.

In der brasilianischen Metropole stellte sich natürlich die Frage, ob die Wade hält. Physiotherapeut Ulli Nipold gab seines Bestes, mit Erfolg.

Eine Medaille war das Ziel des Jeetzestädters, der bereits in Peking 2008 Silber im Fünfkampf gewonnen hatte. Ein Blick auf die Meldeergebnisse veriet, dass über 100 , und 200 Meter die größten Medaillenchancen für Thomas Ulbricht bestehen würden. Erster Wettkampf waren jedoch die kräftezehrenden 400 Meter, noch dazu auf einer recht harten Bahn, auf der die Belastung für die Muskulatur in den Kurven sehr hoch war. „Ich ging das erste Rennen daher verhalten an“, so der Altmärker, der mit der siebtbesten Zeit (50,77 sek) das Halbfinale erreichte, dort auf 51,40 sek kam und damit Gesamtsechster wurde. Auch im Weitsprung blieb Ulbricht ein wenig unter seinen Möglichkeiten, 6,40 m bedeuteten Rang zehn.

Nach drei Tagen Regeneration ging es dann an die 100 Meter. Hier wurde Thomas Ulbricht aufgrund der Jahresbestenliste gesetzt und trotz eines schwächeren Startes gewann der Salzwedeler in 11,42 sek noch knapp seinen Vorlauf. „Ein perfekter Zielwurf hat den Sieg gebracht und damit die Eintrittskarte für das Finale.“ Und letztlich auch zur Bronzemedaille, die er sich im Finale in einer Zeit von 11,39 sek sicherte. Während Thomas Ulbricht durch den ausgemachten Pfiff seines Zimmerkollegen im Olympischen Dorf, Sebastian Fricke, sofort nach dem Zieleinlauf wusste, dass er eine Medaille gewonnen hat, schauten die angereisten Eltern Kerstin und Siegfried Ulbricht fast eine Minute lang gebannt auf die Anzeigetafel. „Es dauerte ewig, bis das Ergebnis dort eingeblendet wurde. Mein Herz klopfte wie nie“, berichtet die Mutter, die mit ihrem Mann nach Einblendung des Resultates auch zahlreiche Glückwünsche von brasilianischen Zuschauern erhielt. „Die haben sich richtig mit uns gefreut.“

Obwohl die Wade noch vor dem Start wieder zwickte, hat sich für den Salzwedeler der Medaillentraum erfüllt. Thomas Ulbricht hat alles in diesen Lauf gelegt und wurde belohnt. Dass er danach auf einen Start über 200 Meter verzichtete, konnten dann auch die Trainer verstehen, zumal noch einmal drei Läufe auf dem Plan gestanden hätten. „Richtig fit hätte ich auch über diese Strecke eine Medaille gewonnen. Doch egal, ich hatte ja mein erhofftes Ziel erreicht.“

Am Abend beim Empfang im „Deutschen Haus“, wo Thomas noch drei Tage zuvor nach einem unfreiwilligen Sturz in den Pool Gesprächsthema war, verkündete der Sportler den Willen, seine Karriere weiter fortzusetzen. Radsport oder Speerwerfen waren die Gedankenspiele, inzwischen hat sich Thomas Ulbricht mit seinem Heimtrainer Dr. Ralf Otto auf Speerwerfen verständigt, ist doch diese Disziplin für den ehemaligen Fünfkämpfer kein Neuland.

Damals hat er den Speer 51,88 m weit geworfen. Mit dieser Weite hätte der Altmärker in Rio keinen Blumentopf gewonnen, in der Schadensklasse F 12/13 ging Gold bei 65,69 m, Bronze immerhin noch bei 60,86 m weg. „Mein Trainer ist der Meinung, dass man mit der richtigen Technik 60 Meter weit werfen kann. Mein Ziel für die nächste Saison sind 56 bis 57 Meter“, schaut Thomas Ulbricht voraus. Für eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft in London reicht es vielleicht noch nicht, bei der Europameisterschaft 2018 im heimischen Berlin will der Angestellte der Bundesbehörde Digitalfunk dann aber dabei sein. Und der Arbeitgeber unterstützt den Sportler auch weiterhin, die Freistellung für das tägliche Training wurde nach der Rückkehr aus Rio verlängert, die Bronzemedaille war für diese Förderung hilfreich.

Das Training wird sich künftig ein wenig verändern, Thomas Ulbricht wird nun noch häufiger im Kraftraum anzutreffen sein, um die für den Speerwurf nötige Muskelmasse aufzubauen. Und der Schinderei im Kraftraum kann Thomas sogar etwas Positives abgewinnen. „Krafttraining ist gut für den Strand.“

Kraft-, Technik- und Athletiktraining werden somit auch weiterhin den Alltag von Thomas Ulbricht bestimmen. „Was jetzt kommt, ist alles Zugabe. Und vielleicht schaffe ich ja den Anschluss an die Weltspitze und bin dann auch wieder bei den nächsten Paralympics dabei.“ Tokio 2020, es wären die fünften Paralympics für den sympathischen Sportler aus Salzwedel.

Von Renee Sensenschmidt