Hier befinden Sie sich:


17.06. 2013

Der Brasilianer Alan Oliveira läuft beimMeeting der Behinderten einen neuen 100-Meter-Weltrekord. Der Berliner Thomas Ulbricht gewinnt über 400 Meter. An seinem Beispiel zeigt sich die gesamte Problematik des Behindertensports.

Thomas Ulbricht sitzt im Startblock. Er wartet auf das Startsignal für die
Stadionrunde. Wie immer sitzt da noch jemand neben ihm, der beim Startschuss ebenfalls losrennt. „Der ist ja sozusagen mein Blindenhund“, sagt Ulbricht über seinen Begleiter Tobias Schneider, den Guide des 27-jährigen, sehbehinderten Sportlers. Ulbricht, Weltmeister 2006 und Paralympics-Silbermedaillengewinner von 2008 im Fünfkampf, ist am Ende nicht ganz zufrieden mit seinen 52,01 Sekunden,
die er am Samstag über 400 Meter läuft. Zum Sieg bei den 35. Internationalen Deutschen Meisterschaften (IDM) der Behinderten im Jahnsportpark reicht es dennoch. Im Mittelpunkt steht aber nicht der Berliner Sprinter, sondern der doppelt
beinamputierte Brasilianer Alan Oliveira. Bei den Paralympics in London hatte er über 200 Meter sogar Oscar Pistorius besiegt. Am Samstagabend übertrifft
Oliviera mit 10,77 Sekunden auch noch den bisherigen 100-Meter-Weltrekord von Pistorius. Am Sonntag sprintete er 22,09 Sekunden über die doppelte Distanz
und verpasste hier eine neue Rekordmarke.

Thomas Ulbricht vom Paralympischen SportClub (PSC) Berlin spiegelt dagegen die Realität des Behindertensports wider. Er ist einer, der sich unter vielen Entbehrungen und ohne Sponsoren ein Leben im Leistungssport zumutet, wobei breites Interesse stets nur alle vier Jahre, zu den Paralympics aufflammt.
„Danach ist wieder so gut wie nichts“, sagt Ulbricht. Die Sponsorenlage findet er
ebenso prekär wie die Auszahlung von Prämien. „Der PSC Berlin ist einer der erfolgreichsten Vereine und hat nicht mal einen Hauptsponsor!“ Er selbst komme auf 1.500 Euro Prämien im Jahr. „Wenn ich gut bin.“

Aufgewachsen ist Ulbricht in Salzwedel. Kurz nach seinem achten Geburtstag wurde bei ihm Makuladegeneration festgestellt, eine die Netzhaut betreffende,
fortschreitende Augenkrankheit. Heute hat Ulbricht ein Sehvermögen von 3 Prozent.
Er ist seit zehn Jahren Leistungssportler, lebt seither in Berlin, derzeit im Sportforum Hohenschönhausen. Ein bis zweimal täglich trainiert er, sechs Tage
die Woche. Das geht,weil er im Bundesinnenministerium als Sachbearbeiter zur Hälfte für den Sport freigestellt wird. Nachdem seine eigentliche Disziplin, der Fünfkampf (vergleichbar mit dem olympischen Zehnkampf) aus dem paralympischen Programm genommen wurde, hat er auf die 400 Meter umgesattelt. Mit seiner Zeit läge er derzeit in einem Feld von nichtbehinderten Sportlern 5 bis
6 Sekunden hinter der Weltelite. „Ich will jetzt noch mal unter 50 Sekunden kommen und dann schauen, was noch geht“, sagt Ulbricht. Ob er seine Karriere bis zu den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro fortsetzt, weiß er noch nicht.
Von der paralympischen Euphorie aus London ist nichts mehr übrig. Im Jahnsportpark sind mehr Athleten und Begleiter als Besucher. 520 Athleten aus
28 Nationen treten beim nationalen Turnier an, das gleichzeitig Teil einer internationalen Serie ist. „Ich bin da noch nicht völlig desillusioniert“, sagt Reinhard
Tank, Pressesprecher des Behinderten-Sportverbands Berlin. Er freut sich, dass das Event überhaupt hier stattfinden kann. Von der Stadt erhofft er sich dennoch mehr Unterstützung. Aus kommunalen Mitteln gibt es 25.000 Euro, daran hat sich seit Jahren nichts geändert. Thomas Ulbricht will sich nach seiner Karriere einem Bereich widmen, der ihm sehr nah ist: Gemeinsam mit einem Bastler
und Ingenieur arbeitet er an einer optimierten, digitalen Variante
eines Blindenstocks. Pläne für eine Sehbrille gibt es auch. Der sportliche Ehrgeiz scheint seine sportliche Laufbahn zu überdauern.

JENS UTHOFF