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16.06. 2012

“Kein Fünfkämpfer mehr”

Berliner Zeitung von Karin Bühler

Am Donnerstag ist Ralf Otto damit beschäftigt gewesen, im Berliner Jahnsportpark riesige Nägel in den Boden zu hämmern und zu hoffen, „dass wir dabei nicht die
Sprenkleranlage treffen“. Von heute an beobachtet er dort als Leistungssport-
Koordinator des Berliner Behinderten-Sportverbandes die Auftritte seiner Athleten bei den Internationalen Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften.
Für viele Sportler geht es am Wochenende darum, sich für die Paralympics in
London zu empfehlen, Normen zu erreichen, sich in der Weltrangliste nach vorn zu schieben. Das hat zum Beispiel Thomas Ulbricht vor. Ulbricht (26), Sachbearbeiter in der Bundesanstalt für Digitalfunk, blond, tiefe Lachfalten, ist aufgrund eines Gendefekts hochgradig sehbehindert.
Er war 2006 Weltmeister 2009 Europameister, 2011 WM Dritter
– und bei den Paralympics 2008 in Peking gewann er die Silbermedaille.
Alles im Fünfkampf. Im Internet findet sich die „Offizielle Homepage des Fünfkämpfers Thomas Ulbricht.“

Wut auf die Funktionäre

Aber Ulbricht ist kein Fünfkämpfer mehr. Die Disziplin gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht bei den Spielen in London. Die Mail, in der ihm das mitgeteilt wurde, bekam Ulbricht im April 2011 im Trainingslager auf Zypern von seinem Coach Ralf Otto geschickt. Da hatte er sich schon knapp drei Jahre als Mehrkämpfer (100 Meter, Diskus, Speer, Weitsprung,1 500Meter) auf die Paralympics 2012 vorbereitet.
„Ich war total vor den Kopf gestoßen“, sagt Ulbricht. Seine Gefühle schwankten
zwischen Extremen. Alles hinwerfen? Und: Jetzt erst recht! Dazu mischte sich „erst mal der Hass auf den DBS“, den Deutschen Behindertensportverband.
Die Entscheidung, den Fünfkampf in Ulbrichts Startklasse aus dem Programm zu streichen, hatte das Internationale Paralympische Komitee (IPC) getroffen.
Offiziell, weil es weltweit zu wenig Teilnehmer gab. Tatsächlich „aus nationalen
Gründen, nicht aus fachlichen“, meint Otto. Die sechs Funktionäre im zuständigen IPC-Gremium hätten zugunsten der Medaillenchancen von Athleten ihrer Heimatländer Australien, England, USA oder den Vereinigten Arabischen Emiraten über Erhalt und Streichung der Disziplinen entschieden.
Für die Berliner Medaillenkandidatin Marianne Buggenhagen etwa fiel das Diskuswerfen weg, für Ulbricht und seinen Trainingskollegen Mathias Schröder derWeitsprung in der Startklasse der hochgradig Sehbehinderten.
Statt aus einer markierten Zone muss Ulbricht jetzt vom Balken abspringen, den er mit seinen drei Prozent Sehkraft erst viel später und weitaus schemenhafter
wahrnehmen kann, als die Konkurrenz in der Klasse mit fünf bis zehn Prozent Sehfähigkeit. Wirklich wütend aber machte Ulbricht und Otto die „dilettantische Reaktion“ des DBS, der die Änderungen durchwinkte. „Man muss dem Verband vorwerfen, sich nicht uminternationale Kontakte gekümmert und keinen Einfluss auf die Entscheidungen genommen zu haben. Das hat mit Sportpolitik leider nichts zu tun“, findet Otto. Seine Kritik gilt in erster Linie dem Vizepräsident
Leistungssport Karl Quade und Sportdirektor Frank-Thomas Hartleb.
Auch Ulbricht äußerte seinen Unmut laut. Daraufhin flog er aus demTopTeam des DBS; die monatliche Sportförderung wurde ihm gestrichen.
„Wenn du kein Liebling bist, wirst du abgesägt“, sagt Ulbricht. Aber er dachte gleichzeitig:„Mich kriegt ihr nicht los, auch wenn ich unangenehm bin.“
Und so wurde der Fünfkämpfer ein Sprinter. Ulbricht konzentriert sich jetzt auf die 100 und 200 Meter. Seine 100-Meter-Bestzeit: 11,25 Sekunden.
Damit liegt er derzeit auf Rang neun der Weltrangliste. Er will sich am Sonnabend verbessern. Und er möchte in London dabei sein, auch wenn er weiß, dass es als
Sprinter schwierig werden wird, wieder eine Medaille zu gewinnen.