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»In Peking eine Medaille wäre ein Traum«

Interview mit Thomas Ulbricht Salzwedel

Der 21- jährige Salzwedeler Thomas Ulbricht konnte sich bei den Weltmeisterschaften für Menschen mit Behinderungen in Assen nach seinem Titel im Fünfkampf noch eine Bronzemedaille in der 4×100 Meter Staffel sichern, Unmittelbar nach seiner Rückkehr sprach Ulf Thews mit ihm.

Volksstimme: Mit Bestzeit im Vorlauf haben Sie sich mit ihren Staffelkollegen bestimmt etwas mehr ausgerechnet. Woran hat es im Endeffekt gelegen, dass es nur Bronze wurde?

Thomas Ulbricht: Ich hatte als Startläufer nicht gerade meinen besten Tag erwischt. Zum einen war mein Lauf nicht flüssig genug und zum anderen haben wir unseren Wechsel auch noch verbockt. Zum Glück für uns verloren die Spanier gleich beim ersten Wechsel ihren Stab. So war uns die Medaille (Im Finale starteten vier Mannschaften/Anm. der Red.) nicht mehr zu nehmen. Am Ende lagen wir nur sehr knapp hinter Weltmeister Portugal und dem zweitplazierten Brasilianern.

Volksstimme: Mit zwei Medaillen aus drei Wettbewerben haben Sie eine gute Bilanz. Sind Sie damit zufrieden?

Thomas Ulbricht: Ja, ich bin sehr zufrieden, kein Wunder, wenn selbst die Trainer michts zu bemängeln haben. Mein Wurftrainer Dr. Otto soll sogar Tränen vergossen haben.

Volksstimme: Wie ist das Niveau des Fünfkampfwettkampfes einzuschätzen, bei dem Sie den Titel holten?

Thomas Ulbricht: Der Fünfnkampf in Assen hatte ein sehr hohes Niveau. Bei den letzten Höhepunkte, auch bei den Paralympics 2004 in Athen, hatte niemand die 3.000 Punkte-Marke übertroffen. Diesmal waren es gleich zwei Wettkämpfer denen das Kunststück gelang. Mein Teamkollege Jörg Trippen-Hilgers hätte bei der Weltmeisterschaft im Vorjahr mit seinen 2.827 Punkten sogar Silber geholt. In Assen reichte es aber gerade einmal zum sechsten Platz.

Volksstimme: Und wie lief es für Sie in der Einzeldisziplin Weitsprung?

Thomas Ulbricht: In dieser Disziplin hatte ich mir gegen die Spezialisten nicht allzu viel ausgerechnet. Dort musste man schon wie in der Vergangenheit schon über sieben Meter springen, um in die Entscheidung eingreifen zu können. Für mich sind diese Weitenbereiche zurzeit außerhalb meiner Möglichkeiten.

Volksstimme: Wie war das mit den Sprüngen innerhalb des Fünfkampfes?

Thomas Ulbricht: Eigentlich waren 6,75 Meter eingeplant, aber auch die 6,58 Meter lagen noch im Plan.

Volksstimme: Und die anderen Disziplinen?

Thomas Ulbricht: Der Speerwurf war entscheidend. Gleich im ersten Versuch legte ich eine große Weite vor. Mit 49,62 Meter lag ich doch weit über dem angestrebten Ergebnis. Vom Trainer bekam ich gleich die Anweisung, keine weiteren Versuche mehr zu absolvieren, weil ich Kräfte sparen sollte und sich an der Wurfhand kleinere Probleme bemerkbar machten. Der 100 Meter-Sprint lag wieder genau im Plan. Wichtig war für mich auch noch das Diskuswerfen, dass ja bekanntlich meine große Schwachstelle ist. Hier lief auch in den Monaten der Vorbereitungen nicht viel zusammen. Umso besser war es aber für mich, dass ich auf der schönen Anlage in Assen über die 25 Meter-Marke kam.

Volksstimme: Vor dem abschließenden 1.500 Meter-Lauf wurde viel gerechnet? Wie war deine Marschroute?

Thomas Ulbricht: Ich wusste, dass der Tunesier Mahmoud Khaldi der deutlich bessere Mittelstreckler ist. Ich durfte nicht mehr als 22,5 Sekunden auf ihn verlieren. Dementsprechen war mein Lauf-Guide auch instruiert. Doch meine Trainer haben geschummelt und haben mir über den Guide falsche Zeiten durchgegeben, um so noch letzte Reserven herauszukitzeln. Nach der ersten Runde wlollte ich schon aufhören, konnte mich aber dann im Windschatten des Läuferpulks wieder etwas erholen. Auf den letzten 100 Metern hörte ich, dass sich ein Läufer direkt vor mir bewegte. Den wollte ich unbegingt noch einholen, obwohl ich schon mit meinen Kräften völlig am Ende war. Ich spurtete also hinterher und verpasste ihn am Ende nur knapp. Das waren aber dann genau die 1,5 Sekunden, die ich vor dem Tunesier in der Gesamtwertung retten konnte.

Volksstimme: Dann gab es noch eine Schrecksekunde zu überstehen. Was war da überhaupt passiert?

Thomas Ulbricht: Ich habe anfangs garnichts mitbekommen. Der Lauf hatte so sehr geschlaucht, dass ich eine ganze Weile brauchte, um mich zu erholen. Auf der Anzeigetafel stand DNS, was so viel heißt wie nicht gestartet. Die Trainer konnte ich nicht fragen, denn die waren schon unterwegs, um das Problem zu klären. Ich selbst war eigentlich nicht so aufgeregt wie die anderen., denn jeder hatte ja gesehen, dass ich gelaufen bin. Später stellte sich aber heraus, dass ich auf der Startliste nicht abgehakt wurde.

Volksstimme: Die Deutschen Meisterschaften und auch die WM sind nun Geschichte. Wie geht es sportlich mit Ihnen weiter, Thomas?

Thomas Ulbricht: Der nächste Höhepunkt wäre die Titelverteidigung im Juni 2007 in Sao Paulo. Dort sind dann aber nur die Sehbehinderten am Start. Im Mai nächsten Jahres muss ich aber erst einmal an anderer Stelle Höchstleistungen bringen. Dann stehen nach drei Jahren Berufsausbildung die Abschlussprüfungen an. Dann blicke ich natürlich schon in Richtung Peking 2008. Dort bei den Paralympics eine Medaille zu erreichen, das wäre ein Traum.

Volksstimme: Wer hat Sie bei der Ausübung Ihres Sports am meisten unterstützt?

Thomas Ulbricht: An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich bei meinen Eltern zu bedanken, die mich natürlich auch in Assen wieder direkt unterstützt haben. Ohne ihren Rückhalt in den vergangen Jahren, mit ihrer Hilfe bei sportlichen und privaten Problemen, hätte ich wohl in Assen nicht auf dem Treppchen gestanden.

Volksstimme: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die sportliche, private und berufliche Zukunft.

Interview mit der Volkstimme, erschienen am 13.09.2006 – Autor Ulf Thews