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29.09. 2008

“Für Behindertensportler kann sich Doping nicht rentieren”

Volksstimme-Interview mit Thomas Ulbricht, Silbermedaillen-Gewinner bei den Paralympics

Am 12. September wurde für Thomas Ulbricht ein Traum wahr: Der 23-jährige Salzwedeler gewann bei den Paralympics in Peking die Silbermedaille im Fünfkampf. Der stark sehbehinderte Leichtathlet ist nach Schwimmer Christian Fritzsche (1996 Gold in Atlanta) der zweite Salzwedeler Paralympics-Medaillengewinner. Nach seiner Rückkehr aus China stand der junge Mann, der als Sachbearbeiter im Bundesinnenministerium arbeitet, Volksstimme-Redakteur Torsten Adam Rede und Antwort.
Volksstimme: Haben Sie den Erfolg schon realisiert?
Thomas Ulbricht: Ja, relativ schnell. Ich freute mich bereits in den Katakomben über Silber hinter einem Weltrekord.

Volksstimme: Hatten Sie sich nicht noch mehr erträumt?
Thomas Ulbricht: Wenn das Starterfeld so gewesen wäre wie gedacht, wäre es Gold geworden. Den Hilton Langenhoven aus Südafrika, der Gold gewann, habe ich vorher noch nie einen Mehrkampf machen sehen. Dass er den dann noch so durchzieht, hat mich schon ein bisschen geärgert. Gold zählt in Deutschland ganz anders als Silber.

Volksstimme: Liefen die Peking-Vorbereitungen wie Sie sich das vorgestellt haben?
Thomas Ulbricht: Die Saison begann für mich sehr gut. Ich habe im Weitsprung meine Bestleistung eingestellt, kam im Speerwerfen in deren Nähe. Ich dachte, die Saison muss super werden. Doch genau das ist sie nicht geworden in den beiden Disziplinen. Diskus, 100 Meter und 1500 Meter funktionierten. Deshalb war in Peking Schadensbegrenzung angesagt, was ja auch geklappt hat mit 6,58 Meter im Weitsprung und 47,80 Meter im Speerwurf.

Volksstimme: Sie sind vor 90 000 Zuschauern gestartet. Ist das eher motivierend oder belastend?
Thomas Ulbricht: Ich fand das sehr angenehm, war nur aufgeregt bei Starts, wo es auf das Reaktionsvermögen ankommt, wie bei den 100 Metern. 2004 in Athen wurden noch Schulklassen herangekarrt. In Peking hat man mitgekriegt, dass die Leute nicht gezwungen werden, ins Stadion zu gehen, sondern weil sie Freude daran haben. Deswegen war die Stimmung auch richtig gut. Wenn ein Chinese vorn war, tobte das Stadion. Weil im Speerwerfen vor mir einer Weltrekord warf, nahm ich den Applaus für mich mit.

Volksstimme: Wie haben Sie Ihre Freizeit verbracht?
Thomas Ulbricht: Ich war im olympischen Dorf oft in der Gamehall, musste auch trainieren, weil ich bis zum vorletzten Tag startete und fit bleiben musste. Ich war ansonsten viel in der Stadt unterwegs, viel shoppen.

Volksstimme: Sie bekamen prominente Glückwünsche wie von Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit oder Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Was bedeuten die Ihnen?
Thomas Ulbricht: Das finde ich schon schön. Die Frage ist nur, ob sie die Wettkämpfe wirklich verfolgt haben oder ob das nur Standardmails der Assistenten waren. Von daher sind mir Glückwünsche von der Familie, Kollegen und Freunde lieber. Da weiß ich, sie haben mitgefiebert, sich mitgefreut.

Volksstimme: Wie viele Glückwünsche erreichten Sie denn in Peking?
Thomas Ulbricht: Ich habe mein Handy ausgeschaltet, weil ich keine hohe Rechnung haben wollte. Als ich es in Deutschland wieder einschaltete, waren über 20 SMS drauf. Ich hatte 200 erwartet, viele sind aber gar nicht angekommen, zum Beispiel vom Olympiastützpunkt oder von Freunden.

Volksstimme: Was bringt Ihnen die Silbermedaille?
Thomas Ulbricht: Ich hoffe natürlich Sponsoren, um noch besser trainieren zu können für London 2012. Leider hängt wirklich alles vom Geld ab. Da muss sich Deutschland mal was einfallen lassen, damit es in der Leichtathletik nicht auf Platz 108 landen will.

Volksstimme: Gibt es denn für die Medaille eine finanzielle Anerkennung von „Vater Staat“?
Thomas Ulbricht: Von der Deutschen Sporthilfe gibt es 3000 Euro für Silber, Nichtbehinderte bekommen 10 000 Euro. Diese Unterscheidung ist schwachsinnig. Ich habe die Medaille für Deutschland geholt, nicht als Behinderter. Wir müssen die gleiche Leistung bringen, mindestens. Manche Länder geben für Gold 250 000 Euro plus die Hälfte nochmal für den Trainer. In Deutschland wird zuviel Geld in den Antidopingkampf gesteckt statt direkt in den Sport.

Volksstimme: Wie darf man das verstehen?
Thomas Ulbricht: Welcher Behinderte soll in Deutschland dopen? So viel Geld hat gar keiner. Doping muss sich ja irgendwann rentieren. Aber als Behindertensportler gibt es gar keine Möglichkeit, mehr zu verdienen. In anderen Ländern wird kaum kontrolliert. Es ist krass, dass Deutschland meint wie überall Vorreiter sein zu müssen und dafür der Sport auf der Strecke bleibt.

Volksstimme: Wie lauten Ihre nächsten sportlichen Ziele?
Thomas Ulbricht: Nächstes Jahr gibt es keine Weltmeisterschaft, weil sich kein Veranstalter findet. Das ist wieder eine Frage des Geldes. Neuseeland ist 2010 dran und trägt sie im Frühjahr 2011 aus, weil es dort dann warm ist.

Volksstimme: Eine lange Zeit bis dahin…
Thomas Ulbricht: Ja, deswegen überlege ich mit meinem Trainer Dr. Otto auch, Auslandsprojekte zu machen. Dass wir Länder finden, denen wir zeigen, wie Leistungssport geht. Also zwei-, dreimonatige Trainingslager, verbunden mit Referaten. Ich möchte dann auch vernünftig Englisch lernen.