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Juli 2008

Eine Medaille ist Pflicht

Sehbehinderte Thomas Ulbricht und Lars Lippek lernten im LBZ laufen

TANGERHÜTTE. In der kommenden Woche fliegt Thomas Ulbricht nach Peking. Der hochgradig sehbehinderte Leichtathlet startet zum zweiten Mal bei den Paralympics. Seine ersten Erfolge feierte er im Landesbildungszentrum für Körper- und Sehbehinderte in Tangerhütte.

Im Arbeitszimmer von Heike Diesing hängt die Medaille einer Junioren-Europameisterschaft. Es ist nicht ihre, und trotzdem freut sich die Lehrerin am Landesbildungszentrum für Körper- und Sehbehinderte Tangerhütte (LBZ) jeden Tag über das Edelmetall. Die Medaille ist ein Geschenk von Thomas Ulbricht. Der Salzwedeler hat bei Heike Diesing sozusagen das Laufen gelernt. Als Dank schenkte er ihr seine erste internationale Medaille. LBZ

In gut einem Monat startet der 23-jährige bei den Paralympics in Peking im Fünf-Kampf und in den Einzeldisziplinen Speerwurf, Weitsprung und in der 4×100-Meter-Staffel. “Aber hier wurde der Grundstein gelegt”, vergisst der erfolgreiche Leichtathlet nicht, wo alles angefangen hat. “Ohne die Förderung hier im LBZ hätte ich keine Norm erfüllt, wäre vermutlich keinem Trainer aufgefallen.”

Zusammen mit Lars Lippek ist er in sportlicher Hinsicht der erfolgreichste ehemalige LBZ-Schüler. “Im LBZ habe ich mich immer an Thomas orientiert”, gibt der Sportler vom SV Halle zu. Er ist derzeit einer der beiden Behindertensportler, die auf internationaler Ebene für Sachsen-Anhalt antreten. In Berlin sind es 19.

Thomas Ulbricht wechselte nach der Schule in die Bundeshauptstadt. “Dort habe ich alle Möglichkeiten und vor allem habe ich auch einen Arbeitsplatz gefunden”, erklärt der Salzwedeler, warum er der Altmarkstadt den Rücken kehrte. Nach der Vorstellung bei seinen neuen Trainern rief er seine Mutter an: “Mama, ich bin ein roher Diamant, der nur noch geschliffen werden muss haben die hier gesagt.” Und er wurde geschliffen. Zu Spitzenzeiten absolviert er 14 Trainingseinheiten in der Woche. Seine Fahrkarte zu den Spielen in Peking löste er im Berliner Olympia-Stadion “mit relativ großem Vorsprung.” Seine Zeiten liegen im Goldniveau-Bereich der letzten sieben Jahre. “Allerdings ist das sportliche Niveau in diesem Jahr generell sehr hoch”, stapelt der Wahl-Berliner tief.

Seine Eltern werden ihn bei den Paralympics begleiten. “Schon im Januar haben wir den Flug und das Hotel gebucht. Ein Glück. Mittlerweile haben sich die Preise mehr als verdoppelt”, berichtet Mutter Kerstin. Sie ist sehr stolz auf ihren Sohn. “Seitdem er in Berlin ist, hat er sich total verändert.Er hat einen Ehrgeiz entwickelt, den ich so von ihm gar nicht kannte. Früher wäre er nie im Regen laufen gegangen”, erzählt sie augenzwinkernd. Vor vier Jahren gewann ihr einziger Sohn die 400 Meter im B-Lauf bei den Paralympics in Athen. “Den Einmarsch werde ich nie vergessen”, ist Kerstin Ulbricht noch heute gerührt. Während des Aufenthalts in Peking läuft ständig der Festplattenrekorder.

Im LBZ ist der Video-Rekorder auch schon startklar. “Soweit es geht, werde ich die Spiele live verfolgen”, freut sich Heike Diesing. Vier Stunden wollen die Öffentlich-Rechtlichen täglich aus China übertragen, zwei andere Sender sogar noch mehr. Auch Lars Lippek wird seinem ehemaligen Trainingspartner die Daumen drücken. Denn der hat sich klare Ziele gestellt. “Eine Medaille ist Pflicht.” Die wird er dann wohl aber behalten.

Von Katja Peters