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Januar 2008

Duale Karriere an der bbw-Akademie

Notizen von Thomas Ulbricht / Paralympics Nationalmannschaft

Im Juli 2003 beendete ich meine Schule in Tangerhütte/Sachsen-Anhalt und dann kam die Frage: “Was nun?”. Zur Auswahl standen der leichte und der schwere Weg. Der leichte führte nach Chemnitz ins Berufsbildungswerk.

Dort hatte ich bereits alles sicher: Ausbildung, Wohnung und die Deckung der Kosten. Doch dann kam Dr. Otto. Er hat mich bei den Deutschen Meisterschaften beobachtet und lud mich zum Sichtungslehrgang nach Kienbaum ein. Danach wusste ich, meine Zukunft liegt in Berlin. Aber zuerst mussten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Und da kam der Olympiastützpunkt ins Spiel. Mit Hilfe der Laufbahnberater des OSP suchten wir zuerst einen geeigneten Ausbildungsplatz. Dieser wurde an der bbw-Akademie schnell gefunden. Nach einem Eignungstest stand fest, ich mache eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann in der Leistungssportklasse. Nun fehlte mir nur noch eine Bleibe in Berlin und auch da half mir der Olympiastützpunkt. Man stellte mir ein Zimmer im Haus der Athleten zur Verfügung. Nun stand einem Umzug nichts mehr im Wege.

Zu Beginn der Ausbildung gab es noch einige Hürden zu beseitigen. Bedingt durch meine hochgradige Sehbehinderung mussten erst die Voraussetzungen geschaffen werden, um an einer “normalen” Schule arbeiten zu können. Ich benötigte dringend ein Lesegerät mit Monitor und Kamera, um auch den Unterrichtsstoff an der Tafel lesen zu können. Durch die Sehbehinderung bin ich nicht in der Lage, Texte normal zu lesen, sondern ich lege die Bücher unter das Lesegerät und lese die Texte dann über den Monitor in der entsprechenden Vergrößerung. Ich benötige eine 10-fache Vergrößerung des Textes gegenüber den anderen Mitschülern. Leider war dies auch der schwierigste Part, denn es fand sich keine Behörde, weder Krankenkasse, noch Arbeitsamt, noch Integrationsamt, die die hohen Kosten dieser Geräte übernehmen wollte, da es sich um eine schulische Ausbildung handelt. Nach intensiven Bemühungen, vor allem von Dr. Otto, fanden wir eine Stiftung, die ein Teil der Kosten übernahm und der Rest wurde dann vom Behindertensportverband Berlin bezahlt.

Nun konnte mein Projekt “Ausbildung und Sport mit Handicap” beginnen.

Mit den Lehrern kam ich schnell klar, aber wie reagierten meine Klassenkameraden? Einen Teil von ihnen traf ich bereits beim Eignungstest und schon dort fiel auf, das noch nie jemand was mit Menschen mit Handicap zu tun hatte. Es wurde natürlich getuschelt, aber dies ist für mich zu Beginn normal. Nach den ersten Klausuren hatte sich jeder seinen Respekt erarbeitet. Was man wissen sollte ist, es war ein Projekt für Leistungssportler und so war die Ausbildungszeit von 3 auf 4 Jahren gestreckt. An einem Tag in der Woche war schulfrei, um genug Zeit für das Training zu haben. Selbst der Stundenplan wurde dem Sport angepasst und für Trainingslager oder Wettkämpfe wurden wir großzügig freigestellt. Die Schulstunden betrugen nur 20 Stunden in der Woche, was natürlich viel Zeit gab für das Training.

In den 4 Jahren stand aber nicht nur der Schulunterricht auf dem Plan, sondern auch 2x ein Praktikum für 3 Monate. Ich hatte das große Glück, bei Hertha BSC in der Abteilung Merchandising einen Praktikumsplatz zu bekommen. Dort wurde ich super aufgenommen und es war auch kein Problem, meine sportlichen Ziel weiter im Auge zu behalten. Ich bekam sofort eine feste Arbeitszuweisung, wo ich mich mit dem Fluss der Ware auseinandersetzte sowie die Warenpflege im System übernahm. Die Geschäftsleitung erkannte sehr schnell. dass Excel mein Steckenpferd ist, so dass ich von nun an für jegliche Erstellungen und Auswertungen von Statistiken verantwortlich war. Es wurde mir bei Hertha BSC sehr viel Vertrauen entgegen gebracht. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle nochmals herzlich bedanken.

Nach 3,5 Jahren und 2 Praktika bei Hertha BSC-Merchandising war es fast soweit, die IHK-Prüfungen standen an. Durch die vielen Fehlzeiten (Trainingslager und Wettkämpfe) war es natürlich eine besondere Herausforderung für Lehrer und mich, diese Prüfung so gut wie möglich zu meistern. Im Laufe der Jahre habe ich auch Einzelunterricht bekommen, um den fehlenden Stoff aufzuholen. Dann hieß es im letzten halben Jahr, unser Wissen zu festigen und auch anwenden zu können. Es wurde in der Zeit nur noch auf die IHK-Prüfung hingearbeitet, die unsere Klasse zu 100% bestand. Bedingt durch die Doppelbelastung fand ich das als eine überragendes Ergebnis, was aber ohne das Zusammenspiel von der bbw-Akademie und dem Olympiastützpunkt nicht so gut funktioniert hätte.

Nach erfolgreichem Abschluss habe ich jetzt als erster behinderter Sportler die Chance bekommen, zunächst für das Bundesinnenministerium des Inneren (BMI) und dann für die Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) zu arbeiten und dies mit meinem Sport zu vereinen. Ähnlich der Sportler, die in der Bundeswehr angestellt sind, um Beruf und Sport unter einen Hut zu bekommen. Ohne die besondere Form meiner Ausbildung hätte ich diesen Weg nie gehen können.

Fazit:

Ich kann es jedem nur ans Herz legen, um den Leistungsport aktiv bestreiten zu können und gleichzeitig eine Ausbildung zu absolvieren, ist dies der beste Weg. Dann was ist nach dem Sport? Es gibt zwar während der Ausbildung keinerlei Ausbildungsvergütung, aber dieses Projekt wird vom Olympiastützpunkt gefördert. Als Ansporn gibt es bei guten Leistungen im Sport sowie in der Schule eine Förderung von der Deutschen Bank mit dem Namen “Auf dem Weg nach Peking” in Höhe von 1120 Euro pro/Monat.

Es ist mir ganz wichtig, noch einmal allen zu danken, die an diesem Projekt beteiligt waren, dem Olympiastützpunkt Berlin, den Laufbahnberatern, den Lehrern, ganz besonders Frau Dr. Hünke und Frau Zemmerich, der Projektmanagerin der bbw-Akademie, der Deutschen Bank, der Stiftung Deutsche Sporthilfe und letztendlich meinem Praktikumsbetrieb, Hertha BSC.

Artikel im OSP-Newsletter, erschienen im 03/2007 – Autor Thomas Ulbricht