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23.07.2007

Das Schattendasein eines Mehrkämpfers

Der sehbehinderte Thomas Ulbricht ist Fünfkampf-Weltmeister und einer der vielseitigsten Athleten. Seine Leistungen aber interessieren die Öffentlichkeit kaum. Das könnte sich bald ändern – wenn Behinderte mit Nichtbehinderten konkurrieren.

Thomas Ulbricht ist erstaunt. »Wie sind Sie denn auf mich gekommen?«, fragt er. Ulbricht wurde im vergangenen Jahr in Holland Weltmeister im Fünfkampf. Nach dem 100-Meter- und 1.500-Meter-Lauf, Weitsprung, Diskus- und Speerwurf war er der Beste, der weltweit vielseitigste Athlet – unter den Sehbehinderten. Ulbricht verfügt aufgrund eines Gendefekts nur über 3 bis 5 Prozent der normalen Sehkraft. Auf eine Entfernung bis zu 5 Metern kann er zumindest Schatten und Umrisse noch gut erkennen. Was er sportlich leistet, das interessiert normalerweise kaum einen.

So musste man auch am Samstagabend den Berliner Ulbricht persönlich anrufen, um zu erfahren, wie es ihm bei den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften der Behinderten im schwäbischen Singen ergangen ist. Die Nachrichtenagenturen ignorierten dieses Ereignis.

Ulbricht berichtete fernmündlich: Ein Mehrkampf sei wie schon in den letzten Jahren nicht zustande gekommen. Deshalb hätte er in den Einzeldisziplinen mit den Spezialisten antreten müssen. Nichtsdestotrotz rangierte der Allrounder auch hier auf den vorderen Rängen.

Im Weitsprung wurde er Deutscher Vizemeister (6,73 m). Jeweils einen vierten Platz erreichte er beim Diskuswurf (30,18 m) und im 100-Meter-Lauf. Die Sprintstrecke legte er sogar in persönlicher Bestzeit (11,5 Min.) zurück. »Wenn man diese drei Ergebnisse zusammenrechnet, stehe ich damit besser da als letztes Jahr bei meinem Mehrkampf-WM-Titel«, bilanziert Ulbricht zufrieden.

Der WM-Titel – das ist derzeit das Maß aller Dinge für den 22-Jährigen. Nächste Woche, vom 28. Juli bis zum 8. August, richtet der Internationale Blindensportverband die WM 2007 in São Paolo aus, und dort will Ulbricht unbedingt seinen Titel verteidigen. Dabei möchte er den mit knapp 20 Jahren uralten deutschen Fünfkampfrekord überbieten. Den Weltrekord hat er sich für nächstes Jahr bei den Paralympischen Spielen in Peking vorgenommen. Das sind ehrgeizige, aber keine unrealistischen Ziele. Gemessen an seinen Leistungen liegen sie in Reichweite. Zumal Ulbricht bis zu 14 Trainingseinheiten pro Woche absolviert. Ein zeitlicher Aufwand wie er nur für Leistungssportler üblich ist.

Erfolge fährt man im Behindertensport längst nicht mehr nebenbei ein. Das wissen allerdings die wenigsten. In Deutschland hört und liest man kaum etwas über die gehandicapten Athleten. Die Medien berichten in der Regel nur von den Paralympischen Sommer- und Winterspielen, die im Vierjahresrhythmus stattfinden. Und auch das nur im bescheidenen Rahmen. »Die brasilianischen TV-Sender haben im Jahre 2004 im Vergleich zu den deutschen mehr als zehnmal so viel von den Paralympics in Athen gezeigt«, erzählt Ulbricht. Warum das so ist, kann er sich nicht recht erklären. Er sagt: »Wir leben doch in einem hoch entwickelten Land.«

Dank des Südafrikaners Oscar Pistorius konnte der Behindertensport doch auch in den letzten Tagen in Deutschland ein paar Schlagzeilen für sich verbuchen. Der Unterschenkelamputierte 400-Meter-Läufer forderte vom Internationalen Leichtathletikverband das Startrecht bei den Nichtbehinderten. Er will bei den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften antreten. Thomas Ulbricht freut sich über die öffentliche Diskussion, die Pistorius in Gang gebracht hat. Generell ist er für die Auflösung der starren Grenzen zwischen behinderten und nicht behinderten Leistungssportlern. Allerdings gibt er zu bedenken, dass man den Fall Pistorius gesondert betrachten muss. Mit seinen gut federnden Hightechprothesen hätte dieser vielleicht gar einen Vorteil gegenüber den anderen Läufern.

Die Diskussion zeigt, dass sich die gehandicapten Sportler den Leistungen der Unversehrten annähern. Ulbricht ist überzeugt davon, dass in etwa 20 Jahren sehbehinderte Leichtathleten mit Nichtbehinderten konkurrieren können. Bei paralympischen Sportarten fange man ja gerade erst mit der Jugendarbeit an. Er selbst habe als 18-Jähriger mit dem Leistungssport begonnen. Das sei natürlich zu spät. »Langsam, ganz langsam kommt der Behindertensport auch in Deutschland voran«, sagt Ulbricht, der künftig von dieser Entwicklung profitieren wird. Er erhält als erster behinderter Sportler vom Bundesinnenministerium eine Unterstützung, wie es die Sportsoldaten vom Verteidigungsministerium gewohnt sind. Ab Mitte August ist der Fünfkämpfer im öffentlichen Dienst tätig, sofern es seine Trainingspläne zulassen. Er wird sein Berufsleben seiner sportlichen Karriere unterordnen.

So kann er auch problemlos beim Paralympic Day am 23. August in Berlin dabei sein. An diesem Tag will das Internationale Paralympic Comitee für den Behindertensport werben. Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor wird eine internationale Auswahl an Sportlern in Show-Wettbewerben gegeneinander antreten. Ulbricht ist für den Weitsprung vorgesehen.

taz Berlin lokal Nr. 8332 vom 23.7.2007, Seite 27, 164 TAZ-Bericht – von Johannes Kopp